26.08.2015 Unterricht für Flüchtlingskinder mit Hand und Fuß

Unterricht für Flüchtlingskinder mit Hand und Fuß
26.08.2015 | 09:00 Uhr

Manchmal hilft auch der Blick ins Wörterbuch: Unterricht in einer Auffangklasse der Hauptschule Remberg in Hagen.Foto: Ralf Rottmann

 Hagen.  Wie junge Asylbewerber, die kein Wort Deutsch können, in Auffangklassen unterrichtet werden – und dabei viel mehr lernen als eine Sprache.

Atmen. Das ist einfach. Agnes Golek holt tief Luft – und alle verstehen. Bewegung. Die Lehrerin trippelt vorn auf der Stelle, schwingt die Arme dabei, um die neue Vokabel zu erklären. Auch klar. Gründlich? „Überall grün?“, fragt Saverio. Nein, mit der Farbe habe das Wort aus dem gerade gelesenen Text nichts zu tun, erklärt Agnes Golek und fügt hinzu: „Wenn ihr Hausaufgaben bekommt und alles ordentlich macht von Anfang bis Ende, dann ist das gründlich.“ Die Kinder nicken.

Montagvormittag. Vierte Unterrichtsstunde in einer Auffangklasse. 55 davon gibt es (Stand: letzte Augustwoche) in Hagen mit 1156 Kindern – zwei Klassen davon an der Hauptschule Remberg. Hier unterrichtet Agnes Golek zugleich mit ihrer Kollegin Remzyie Cakir. Kinder, die bisher keine gemeinsame Sprache gesprochen haben. Kinder aus Rumänien, dem Kosovo, aus Albanien, Syrien. Kinder, deren Eltern in Deutschland um Asyl gebeten haben. Aber auch Kinder, die mit der Familie aus EU-Staaten wie Polen, Griechenland und Italien zugezogen sind.

Vor einem Jahr, als die Auffangklasse gegründet worden ist, da hätte Agnes Golek Vokabeln wie „gründlich“ noch nicht erklären können. Da verstanden die Kinder auf Deutsch nicht viel mehr als „Hallo“ und „guten Tag“. „Ich heiße Saverio. Ich bin 13 Jahre alt.“ Nur die beiden Sätze hatte der Junge aus Albanien von seinem Cousin gelernt, der schon lange in Deutschland lebt.

Damals hat Agnes Golek mit Händen und Füßen gesprochen, so wie an diesem Morgen, als sie „atmen“ erläutert. Sie hat sich mit dem Finger auf den Brustkorb getippt und gesagt: „Ich heiße Frau Golek.“ Sie hat auf Schränke, Tische, Stühle im Klassenzimmer gedeutet und dazu die Begriffe genannt. Sie hat einen menschlichen Körper aufgemalt und Ohren, Nase, Mund, Kopf beschriftet. Sie hat ihre eigenen Medikamente mitgebracht, um Wörter wie Tabletten, Hustensaft, Nasentropfen zu erklären. Sie hat sich sogar selbst gehauen und hat mit dem Stuhl herumgekippelt, um den Kindern die Klassenregeln beizubringen: nicht schlagen und still sitzen. „Man muss gut schauspielern können“, sagt die Lehrerin.
Gute Chancen auf den Abschluss

Und zwar immer wieder neu. Mit 15 Kindern ist sie zu Beginn des vergangenen Schuljahres gestartet. Ein paar sind im Laufe des Jahres dazugekommen, mussten aufholen, was die anderen bereits gelernt hatten. Drei haben die Klasse wieder verlassen. Eines morgens waren sie einfach nicht mehr da. Abgeschoben in die Heimat, berichtet Agnes Golek.

Nun sind es 20 Schüler im Alter zwischen 11 und 15 Jahren. Zwei Jahre lernen sie an der Hauptschule Remberg in den Auffangklassen, nicht nur Deutsch, sondern auch Mathe, Kunst, Musik, Erdkunde, bis die meisten dann dem Unterricht in den Regelklassen gut folgen können. Diejenigen, die bereits im Alter von elf, zwölf Jahren gekommen sind, schaffen dann meist den Abschluss, so Agnes Golek.

Die größte Herausforderung dabei ist für Agnes Golek nicht, dass sie sich erst nicht mit Worten verständigen kann. Sondern den Kindern und Eltern zu vermitteln, dass die Schule an erster Stelle stehen muss. Manchmal nämlich bleiben einzelne dem Unterricht fern, weil sie zum Beispiel zu Hause auf die kleinen Geschwister aufpassen.

Dreisprachig

Um so größer ist das Erfolgserlebnis, das die Lehrerin in dieser Klasse hat, weil die Fortschritte der Kinder nach einem Jahr viel deutlicher zu erleben sind als in jeder Regelklasse. So befriedigend ist der Unterricht, dass Agnes Golek in den Sommerferien freiwillig zwei Stunden täglich unterrichtet hat in der Notunterkunft, die in der Schule eingerichtet war.

Der Gong ertönt. Ende der vierten Stunde. Pause. Da spricht sie alle Sprachen, sagt Schülerin Alice lachend. Ein bisschen polnisch, denn aus Polen kommt sie. Deutsch, weil das nun die gemeinsame Sprache aller ist. Und rumänisch auch. Das hat sie hier nämlich auch gelernt, von ihren Schulfreundinnen.

Nina Grunsky