25.01.2016 Botschafter des Zusammenlebens

Botschafter des Zusammenlebens


Von Terrorangst lassen sich Hagener Hauptschüler – Christen und Muslime – nicht auseinanderbringen. Doch fürchten sie den Stimmungswandel in der Gesellschaft

Von Nina Grunsky
Hagen. Erst die Flüchtlingsbewegung, die vor allem Muslime nach Deutschland führt. Dann die Anschläge von Paris, die Sorge vor Attentaten auch hier in Deutschland. Nun zudem noch die Verunsicherung nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht. Solche Vorfälle können ebenso wie die Angst vor dem Terror einen Keil in die Gesellschaft treiben, der Islamfeindlichkeit in Deutschland und Europa Boden bereiten, befürchten Politiker und Wissenschaftler. Übergriffe auf Flüchtlingsheime bestätigen die Bedenken. Eine Sorge, die offenbar auch Jugendliche umtreibt.

Wie sich das Zusammenleben, der gemeinsame Alltag nun verändern könnte, darüber haben sich auch Annalena Trzinka, Merve Gül, Amira Jassem und Gedeon Do Espirito Santo ihre Gedanken gemacht. Annalena (18 Jahre) ist Deutsche, der Opa ist irgendwann aus Polen eingewandert. Merve (15) ist hier geboren, ihre Großeltern sind aus der Türkei gekommen. Amira (16) stammt aus Syrien, ihre Familie hat das Land bereits vor 13 Jahren verlassen. Und Gedeon (15) ist im Jahr 2003 mit den Eltern aus Angola hierher gekommen. Alle vier besuchen die Klasse 10B der Hauptschule Remberg in Hagen. Eine Schule, an der sich verschiedene Religionen und Kulturen täglich begegnen.

 

Auf Misstrauen gestoßen
Merve ist Muslima, Amira ebenso. Gedeon der Sohn eines evangelischen Pastors. Annalena ebenfalls Christin. Hat sich die Stimmung denn nun in der gemischten Gruppe verändert? „Gar nicht“, sagen die vier. „Ich habe viele muslimische Freunde“, sagt Gedeon. „Die kenne ich schon seit Jahren. Wieso sollte sich nun etwas ändern?“, fragt er verwundert. Wer die anderen Religionen und Kulturen kennt, entwickelt keine Vorurteile – längst eine Binsenweisheit, die sich hier bestätigt.

Außerhalb der Klasse, der Schule, da glauben die vier aber sehr wohl, einen Stimmungswandel zu spüren. Da muss sich vor allem Annalena „dumme Sprüche“ anhören. Die Tochter aus einem christlichen Haushalt will nämlich zum Islam konvertieren. Der Nachbar, ein Hodscha, hat sich früher um Annalena und ihre Geschwister gekümmert, wenn die Eltern zu tun hatten. Er hat den Glauben der Kinder gepägt. Der Islam, eine Friedensreligion, wie sie betont, hat sie überzeugt. Doch ihre Entscheidung überzutreten, trifft auch auf Misstrauen, erzählt sie. Ob sie sich nun in den Dienst des IS in Syrien stellen wolle, musste sie sich bereits fragen lassen.

Im Gegenteil: Annalena hilft Menschen, die vor der Terrorgruppe geflohen sind, engagiert sich gemeinsam mit ihrer Mutter, betreut kleine Kinder, hilft bei Behördengängen und Besorgungen. Dass sie sich manchmal rechtfertigen muss, warum sie hilft, das ärgert sie sehr. „Viele haben ihre Meinung nach den Pariser Attentaten geändert“, so ihre Wahrnehmung. IS-Terroristen und muslimische Flüchtlinge – die werden einfach über einen Kamm geschoren“, schimpft sie.

 

Verständnis gefunden
Irgendwann, als zwei Lehrer krank waren und die vier eine Freistunde hatten, da zerbrachen sie sich den Kopf, wie sich die Gesellschaft derzeit verändert. Und sie wollten wissen, wie die anderen an der Schule denken. Spontan nutzten sie die freie Zeit, um mit den jüngeren Kindern zu diskutieren. Das Ergebnis hat sie gefreut. Denn am Ende zeigten an der Schule alle Verständnis für die Flüchtlinge, auch dann wenn sie für die Neunakömmlinge selbst auf etwas verzichten mussten: auf Sporthallen etwa. „Und die wenigen, die doch einmal etwas über Muslime und Flüchtlinge sagen, werden nun schnell mit Argumenten zugeballert“, so Annalena.

 

Schule gemacht
Ein Engagement, das nun Schule machen soll: Schulleiterin Gabriele Fischer will aus der spontanen Schulstunde ein dauerhaftes Projekt machen. Die Jugendlichen“, sagt sie, „sind Botschafter des Zusammenlebens, sie zeigen uns wie gut das funktioniert.“